Mittwoch, 18. November 2015

Im WInter



Im Winter
(Grieskirchen - Gäu - Böhmerwald (Oberösterreich):
Im Winter 1939
ging der Siebmacher Jakob
mit seinem Sohne Gustl, Foxl Puzi
von Grieskirchen bis Winterberg im Böhmerwald
und zurück, 12 Tage lang.)



Zum Urwald stapfen wir weit über Kollerschlag:
Wir sind Herr und Hund und ich, ein flinker Knabe.
Ab und zu begleitet uns ein grauer Rabe.
Wir jagen Holz, das sich gespalten biegen mag....

Spät dreh ich Hühnerspieße um in St.Ägid.
Schön zu schaun, daß alle Stücke prächtig brutzeln.
Es tut gut, an Kletzen nebenbei zu zutzeln.
Nun ist's geschafft. Den Gästen schmeckts; sie sind splendid.

Zerzauste EIskristalle zirpen zag bizarr:
Tönchen für die faulen Sänger Nebelkrähen,
Die nach fetten Nagern seit dem Morgen spähen.
Mausschwänzchen munden schneegestäubt wie Kaviar...

Mit Bandeln messen wir gespannt den Fichtenstamm,
Weil wir weiche Riesennadelbäume suchen.
Handeln, buchen, über sturen Wucher fluchen.
Im Stall erschöpft, verfroren Hund und Mensch und Lamm.....

Der Vater viel vom Holz und Weg und Wirtschaft weiß.
Doch der Bub, er fühlt die Waldes-Wunder walten,
Ahnt, wie Tannentürme ihre Zeit gestalten.
Der Hund schiebt in der Kegelstatt die Kugel heiß....

Die Tannen sind für Siebereifen zweite Wahl,
Widerborstig, stolz auf Ja und Nein, wie Kiefer.
Anzunehmen - wie beim Stein der schöne Schiefer -
Die Fichte, biegelieb, bereit in grosser Zahl.

Eis brennt wie Feuer: wir verlieren nicht den Mut!
Spalten frisches Holz, erproben sieben Siebe;
Weizen, Roggen, Gerste, Hafer rüttelnd schiebe!
Gesunden dann bewußt; die Ruhe tut uns gut....

Im Schnee versunken, freigeschaufelt Mensch und Tier.
Dennoch tiefer in den Forst noch vorgedrungen.
Nachts im Wirtsbett: Hund und Ofenstein umschlungen,
Die Tuchent steif, zu kurz. Am Tisch ein Krügerl Bier.

Handmühle, Tusset, Schattawa und Eisenstein:
Säger schleifen an zur Bahn gefällte Stämme,
Zweige, Rinden, Nadeln glätten zähe Kämme....
Der Hund tut was. Beim Buben rinnen Tränen ein.

Die Sonne schläft. Im Boden harrt schon mancher Keim.
Von den Wipfeln stürzen Schneelawinen nieder.
Uns're Wunden, schneebedeckt, verheilen wieder.
Die Beute fährt. Wir gehn zu Fuß. Wir kehren heim.

(c)Gustaf A.Neumann (Sieberer, 1980, aus dem Buch Suchen nach Sinn)

(Route mit Auto etwa 153 km (hin) )

Sonntag, 11. Oktober 2015

Liebeslied 1970

LIEBESLIED 1970
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Weißt Du, daß im Weltenplane
dumpf erstünd'  der jüngste Tag,
und mit bodenlosem Kahne
sänk ich vor dem hellen Hag,
wenn nicht Deinen heitren Händen
alle Leiden schier entschwänden...

Weißt Du, daß kein Wasser wäre,
das die heiße Stirne kühlt
und die glutenvolle Zähre
von den weichen Wangen spült,
wenn der Liebe linde Laugen
wüschen keine Fieberaugen...

Weißt Du, daß kein Vogel sänge,
jeder Ton erstickte jäh,
blass der Blumen Blühgehänge
totenfahl die Erde säh,
wenn mich Deine Lippen trügten,
gleich geübten Dirnen lügten...

Weißt Du, daß die Berge brächen,
Sonnen stürben und das Sein,
da in Meeren und in Bächen
ränne Blut vom Totenschrein,
wenn nicht unsre zagen Seelen
liebestrunken sich vermählen...


©Gustaf A.Neumann, 1970
(Aus dem Buch "Suchen nach Sinn")


 

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Wir vergessen dich nicht

Es war an einem Septembertag.
Ich ging in den Garten und beobachtete das fallende goldgelbe Laub.
Warum sang der Wind heute gar so wehmütig?
Er nahm wohl Abschied von seinen Blättern, die er oft ganz leise wiegte.
Plötzlich wurde ich durch eine muntere Kinderschar aus meinen Träumen gerissen, die
einen alten Mann laut schreiend umringte.
Zu meinem größten Erstaunen verteilte der sonderbare Alte Süßigkeiten an die kleinen
Naschkätzchen. Wie gutmütig und liebevoll er da zu Werke ging.
Noch lange blieb dieser Vorfall in meiner Erinnerung.

Am vierten Mai war der Sterbetag meines Großvaters.
Ich ging in den Friedhof, um an seinem Grabe Blumen zu pflanzen....und
 war schon fast fertig mit meiner Arbeit, als ich hinter mir ein Schluchzen hörte.
Ich sah eine Kinderschar an einem Grabe knien und weinen.
Auf ihren kleinen unschuldigen Gesichtchen standen wohl zum ersten Male tiefe Schmerzensfurchen.
'Arme Kinder', dachte ich mir, 'euch ist wohl die Mutter gestorben.'
Ich ging auf sie zu, um sie zu trösten.
 Da blickten mich die Kleinen aber sonderbar fremd an,
als ich ihnen sagte, sie sollen nicht so traurig sein. "Mutti ist ja im Himmel und blickt auf euch herab, ob ihr auch immer ganz artig seid."
"Unsere Mutter ist aber gar nicht gestorben, sondern Vater Lindner!"
Als ich sie ungläubig anblickte, meinte einer beinahe vorwurfsvoll:"Du kennst Vater Lindner nicht? Er war immer so gut zu uns und schenkte uns Süßes!"
Und da dachte ich an jenen Herbsttag .....
"Der alte Herr von der Flußgasse ist gestorben?" "Ja,"antwortete ein kleiner Kerl wieder ganz traurig, " die ganze Gasse hatte ihn gekannt und nun ist er tot."
Ich versuchte sie zu trösten......und ging fort ....und fragte mich:'Trauern diese Kinder nur aus Gram über den Verlust ihrer kleinen Gaben? Oder hatten sie den Verstorbenen so fest an ihre Herzchen gebunden? Liebend? Dankend?'

Als ich wieder einmal das Grab meines Opas in Ordnung brachte, hörte ich einen Knaben sprechen:
"Vater Lindner, wir vergessen dich nicht!"
Diese trauernden und liebenden Worte ergriffen mich sehr.
Ich grub ein paar Vergißmeinnicht aus und schenkte sie dem Jungen.
Die blauen kleinen Blümchen blühten gar wunderschön bis tief in den Herbst hinein am Grabe
des Lindner-Vaters.

Dann kam der Winter.
Jedes Grab zog ein weißes, glitzerndes Mäntelchen an.
Im Frühling setzten die Kinder aber wieder neue Blumen an, welche bald wieder
zu blühen begannen.

Ich dachte mir dann oft, man sollte diese zarten blauen Blümchen hier lieber
"Wirvergessendichnicht" nennen.

Grieskirchen, den  28.August 1940
©Gustaf A.Neumann (damals 16 Jahre jung!)

Mittwoch, 7. Oktober 2015

TRÄUMEREI


Trunken der schwelgende Pracht
Ruh ich im Dome der Nacht
Unter Sternen.

Schwinden dann Enge und Zwang
Tönt bald der Wind wie Gesang
Aus den Fernen.

Wunderberauscht von dem Klang
Macht mich der Zauber schon bang
Ehrlich Schweigen,

Wenn er Geschichten mir steckt,
Dass selbst das Käuzchen erschreckt
In den Zweigen.

O, du mein Gott! Ja, ich schreib!
Himmlischer Schlaf, bitte bleib!
Lass mich säumen!

Schlummern und Schweben und frei!
Und mich verwöhnen dabei!
Lass mich träumen!

Der Wind weht lau
Im weiten Raum
Am Wiesensaum
Erschimmert Tau ......

©Gustaf A.Neumann, 2000